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Lasst uns Wohlstand anders denken

Lasst uns Wohlstand anders denken Posted on 27. August 2019Leave a comment

Wir haben den folgenden Artikel im Rahmen der Veröffentlichungsreihe „30 Jahre Mauerfall“ im Tagesspiegel und der Berliner Zeitung gesehen und dürfen ihn mit freundlicher Genehmigung der Autorinnen hier veröffentlichen.

Die Schauspielerin Liv Lisa Fries sieht Berlin und die Welt an einem Wendepunkt, an dem sich auch der Verkehr komplett verändern muss.

Prolog.

In der Stadt singen Chöre, einzelne. Wer nach Feierabend möchte, singt neben den Fahrradwegen. Es hängen Lampions und Lichterketten, keine Werbung, bunte Farben an den Wänden, Kunst auf der Straße, kein Lärm, die Autos sind aus der Stadt verbannt, man darf nur bis an den Stadtrand mit dem Auto fahren.

Essential.

Wenn ich beispielsweise bei Grünau Fahrrad fahre, genieße ich es, möchte Fahrradtouren machen. Die Aussicht ist schön. Natur. 

In der Stadt sehe ich Werbung, Asphalt, Autos, natürlich auch andere Menschen, aber eher gehetzt, eher abgelenkt von den urbanen Faktoren.

Wenn ich in der Stadt fahre, möchte ich keine Fahrradtour machen.

Es geht eigentlich nur gut mit Musik, aber das ist zu gefährlich. 

Ich höre lautes Hupen, Sirenen (die aufgrund der Autos so laut sein müssen), Transporter, Autoverkehr.

Trotzdem fahre ich ausschließlich Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln, ich habe kein Auto.

Die Zahl der Toten im Verkehr ist insgesamt gesunken, aber die Zahl der Fahrradfahrer, die im Straßenverkehr gestorben sind, ist gestiegen. Weil mehr Leute Fahrrad fahren.

Damit das nicht weiterhin so ist, muss es einen Infrastrukturplan und einen Infrastrukturwandel geben. Es muss investiert werden. 

Die zweite Spur könnte komplett für Fahrräder benutzt werden.

Es könnte in der Innenstadt nur noch 30er-Zonen für Autos geben.

Es nervt, hinter den vielen Autos an der roten Ampel zu stehen, und deren Abgase einzuatmen, weil sie auf der Fahrradspur stehen und man nicht bis nach vorne kommt.

Es müssen klare Alternativen zum Auto entwickelt werden!

Das ist eine hochkomplexe Aufgabe, die Stadtplaner, die Automobilindustrie, öffentliche Verkehrseinrichtungen, die Politik und jeder, der Ideen hat, arrangieren dürfen und müssen.

Wenn wir daran glauben, dass Öl und natürliche Ressourcen endlich sind, müssen wir handeln.

Wer auf sein Auto verzichten kann, muss es tun. Wir brauchen einen kompletten Systemwechsel. Wir müssen uns grundsätzlich auf neue Werte einigen.

Wir müssen gemeinsame Konsequenzen tragen.

Und die Politik muss das veranlassen. Sofort. 

Das Auto, das Flugzeug, Plastik – bestimmte Teile der Erdbevölkerung haben lange diese Vorzüge (?) der Bequemlichkeit genossen. Wir hatten einen unglaublichen Wohlstand. Er ist vorbei. Er muss vorbei sein.

Es ist kein kurzes Einzelzeitfahrtrennen, wie bei der Tour de France, das wir hier bestreiten, kein Sprint. Es ist ein Langlauf der Sonderklasse, den wir Menschen in Hunderten von Generationen bestreiten. 

Lasst uns Wohlstand anders denken. In den Seelen, in den Herzen, im Geist, im Körper. Kollektiv. 

Lasst uns nicht mehr Plastik atmen, nicht mehr Absage atmen, die Meere nicht mehr überfischen, nicht mehr Massentierhaltungsfleisch essen.

Definieren wir den Wohlstand um in Offenheit, Beweglichkeit, Freude. In Sprechen, Zuhören, Fahrradfahren, Laufen, Sich-begegnen.

Epilog.

Wenn ich mit dem Fahrrad fahre, spüre ich mich, ich erfahre die Distanzen der Orte neu. Ich erlebe die Welt, in der ich lebe. Die körperliche Anstrengung belebt den Geist und ich fühle mich lebendig. 

Wieso haben Autos Priorität? Sollte nicht der Mensch viel mehr gefördert werden? Wir sind in der Lage, uns zu bewegen, wieso nutzen wir dies nicht? Ich bin nicht gegen Autos, sondern für Fahrräder. 

Das Fahrrad hilft mir in dieser beschleunigten Zeit wieder etwas zu entschleunigen. Es hilft auch, Dauer wieder existent werden zu lassen. 

Sich in der Stadt, in der ich lebe, aus eigener Kraft frei und unabhängig zu bewegen, die Stadt oder auch die Natur zu sehen, ist wundervoll. Ich kann Menschen begegnen, ich kann auch mir selbst begegnen. 

Ich finde ein Miteinander und kein Nebeneinander sehr erstrebenswert. 

Ich möchte in einer Stadt Berlin und einer Welt leben, in der es weniger Lärm, bessere Luft und mehr Raum und Sicherheit für Fahrradfahrer und Menschen außerhalb von zwei Tonnen Metall gibt.

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